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Salminus, die „Lachse" Südamerikas
Text und Bilder Kai Arendt
Im Bereich des zentralen Amazonasbeckens existierte im
Pleistozän ein riesiger Süßwassersee, der sogenannte Lago Amazonas. Er war
durch die erdgeschichtlich junge Auffaltung der Anden entstanden, die den
ursprünglich in Ost – West – Richtung fließenden Uramazonas vom Meer
abschnitten und aufstauten. Als Relikte dieser Zeit gelten die zahlreichen,
heute im Amazonas heimischen Süßwasserformen mariner Fischfamilien, etwa der
Rochen, Sägefische, Heringe, Sardellen, Kröten –, Umber - und Kugelfische,
von denen sich zahlreiche Arten entwickelten. Die Salmler bewohnten in dieser
Epoche die Küstenregionen dieses gewaltigen Sees. Nur wenige zogen pelagisch
durch dessen Freiwasser. Erst später entstand wieder eine Verbindung zum Meer,
zunächst über den Orinoco, dann über den Durchbruch des zentralen
südamerikanischen Schildes nach Osten durch den neuen Amazonas, der von nun an
in umgekehrter, nämlich West – Ost – Richtung floss und den Lago Amazonas
entwässerte. Dieser fiel langsam trocken. Die Küstenbewohner des Sees
wanderten ins zentrale Amazonasbecken ein und entwickelten dort unter den
besonders günstigen tropischen Bedingungen eine enorme Formenvielfalt, wobei
besonders die Evolution der modernen Salmler geradezu explodierte. Einige der
archaischen Formen blieben jedoch im Bereich der ehemaligen Küstenlinie des
pleistozänen Amazonassees zurück, konnten sich dort halten und in
beschränktem Maß weiterentwickeln. Im zentralen Amazonasbecken jedoch konnten
sie aufgrund der Konkurrenz modernerer Formen nicht Fuß fassen und fehlen heute
in diesem Bereich. So gibt es unter den Salmlern einige Gattungen deren
Vertreter zwar im Orinocogebiet nördlich und auch im Einzug des Rio Paraná und
Rio Sao Francisco südlich und östlich des Amazonasbeckens vorkommen, in den
riesigen dazwischen liegenden Gebieten aber fehlen. Die Gattungen Markiana,
Pseudochalceus und auch Salminus seien als Beispiele hierfür genannt. Anhand
der Verbreitung von Salminus lässt sich der Verlauf der Küsten des ehemaligen
Binnenmeeres einigermaßen gut nachvollziehen. Die Gattung ist vom
Orinocobereich im Norden über einige Quellflüsse des Amazonas im Westen wie
dem Ucayali und dem Maranon, die Oberläufe einiger südlicher Amazonaszuflüsse
(z.B. Rio Madeira, Rio Araguaia), das gesamte Stromsystem des Rio Parana im
Süden bis hin zum Rio Sao Francisco im Südosten sichelförmig entlang der
ehemaligen Küstenlinie des Lago Amazonas verbreitet.
Die Gattung Salminus wurde 1829 durch den berühmten Biologen und Südamerikareisenden Louis Agassiz postuliert. Als Gattungstyp gab Agassiz Salminus brevidens an, der 1819 von Cuvier als Hydrocyon brevidens beschrieben worden war. Bei dieser Beschreibung hatte Cuvier jedoch übersehen, dass er bereits im Dezember 1816 dasselbe konservierte Exemplar, dass er als Arttypus für Hydrocyon brevidens angegeben hatte, als Hydrocynus brasiliensis beschrieben hatte. Folglich war der nomenklatorisch ältere Name, nämlich Hydrocynus brasiliensis gültig. Die Typusart der Gattung muss also richtig Salminus brasiliensis (CUVIER , 1816) heißen. S. brevidens ist ein ungültiges Synonym. Salminus maxillosus VALENCIENNES , 1849, der Artname, unter dem diese Fische bisher in der aquaristischen Literatur vorgestellt wurden, stellt ein weiteres Synonym von S. brasiliensis dar. Die Berliner Ichthyologen Müller & Troschel definierten erst 1844 und 1845 die Gattung ausführlich. Weitere gültig beschriebene Arten sind Salminus hilarii VALENCIENNES, 1849 (in Cuvier und Valenciennes) und Salminus affinis STEINDACHNER, 1879. Systematisch gehören die Lachssalmler in die Unterfamilie Bryconinae innerhalb der Echten amerikanischen Salmler (Familie Characidae) und bilden hier zusammen mit der monotypischen Gattung Catabasis den Tribus Salminini. Catabasis acuminatus EIGENMANN & NORRIS, 1900 wurde aus dem Rio Tieté bei Sao Paulo nach einem 16,5 cm langen Exemplar beschrieben. Die Art unterscheidet sich von Salminus durch eine längere Schnauze mit weniger und vergleichsweise größeren Zähnen. Es dürfte sich um einen fischfressenden Räuber handeln. Über seine Lebensweise ist ansonsten nichts bekannt. Die nächsten Verwandten von Salminus und Catabasis sind die Arten der Gattung Brycon (Tribus Bryconini), denen sie auch optisch sehr ähneln. Brycon sind im Gegensatz zu den Salminusarten im gesamten tropischen und subtropischen Südamerika und bis auf die mittelamerikanische Landbrücke verbreitet.
Salminus sind große piscivore, d.h. fischfressende Raubfische, die in ihrer Heimat die großen Ströme bewohnen, aber auch in Seen und kleinere Flüsse eindringen. Sie besitzen eine langgestreckte kräftige und spindelförmige Gestalt mit einer vollständigen Seitenlinie. Der Körper ist seitlich nur mäßig zusammengedrückt und nicht allzu hochrückig. Die Dorsale sitzt etwa in der Mitte des Rückens, die Afterflosse ist verhältnismäßig kurz. Der wuchtige Schwanzstiel, die große dreieckige, leicht eingebuchtete Schwanzflosse ermöglichen den Fischen eine rasante Beschleunigung und andauerndes schnelles Schwimmen. Die mittleren Strahlen der Caudale sind bei erwachsenen Tieren meist verlängert. Der massige etwas zugespitzte Kopf mit dem riesigen tiefgespaltenen Maul verrät sofort den Räuber. Die kräftigen Kiefer sind mit zwei Reihen spitzer kegelförmiger Zähne dicht besetzt. Hiermit sind sie in der Lage auch größere Beute sicher festzuhalten. Die nahe verwandten Brycon besitzen im Gegensatz hierzu als omnivore Fische nur mehrspitzige, gesägte Zähne. Insgesamt erinnern die Salminusarten in ihrer Physiognomie stark an die nördlichen Vertreter der Lachse (Salmoniformes, Salmonidae), was Agassiz seinerzeit offenbar auch zu ihrem Gattungsnamen inspiriert hat. Alle Arten der Gattung haben eine silbrig grüne Körpergrundfarbe und besitzen auf dem Schwanzstiel einen großen schwarzen Fleck, der sich nach hinten in die mittleren Caudalstrahlen hineinzieht, wo er oben und unten meist weiß gesäumt ist. Darüber und darunter ist die Schwanzflosse je nach Art mehr oder weniger rot gefärbt. Bei einigen Arten zeigen zusätzlich Rücken – und Afterflosse, aber auch Teile des Körpers rote Zeichnungen. Der Körper wirkt durch schwarze Flecke im Zentrum jeder Schuppe oft längsgestreift oder -gefleckt. Am Kopf zieht sich ein breiter dunkler Streifen von der oberen Schnauzenspitze durch das Auge bis an den Rand des hinteren Kiemendeckels, ein weiterer von Auge abwärts am Rand des Maxillarknochens entlang nach hinten. Diese Zeichnung ist jedoch oft verblasst und daher nicht immer eindeutig sichtbar. Ein keiner Schulterfleck befindet sich etwa in der Körpermitte direkt hinter dem Kiemendeckel.
Wie es von den verwandten Bryconarten bekannt ist,
vollführen auch Salminus jahreszeitlich bedingte Wanderungen, die jedoch leider
kaum erforscht sind. Soviel allerdings ist sicher, die Raubfische folgen ihren
potentiellen Beutefischen auf deren jahreszeitlichen, in Brasilien „Piracema"
genannten Wanderungen zu den Laichgründen und zurück. Ziehen die großen
Schwärme der Curimatiden, Prochilodontiden und anderer Arten mit Beginn der
Regenzeit zu ihren Laichgründen sind neben anderen großen Raubfischen immer
auch Salminus in der Nähe. Mit blitzschnellen Attacken holen sie sich nach
einer relativ futterarmen Zeit ihren Tribut und setzen schnell Laich und Milch
an. Offenbar pflanzen sich die Salminus in den selben Gegenden fort, in denen
sich auch die Beutefische vermehren. Leider konnte das Laichverhalten selber
bisher nicht beobachtet und dokumentiert werden. Es ist aber anzunehmen, dass
sie etwa zeitgleich mit ihren Beutefischen laichen. So ist für die Brut der
Tisch reich gedeckt, denn Tausende von Jungfischen der Beutearten schlüpfen
hier auf einmal und die jungen Salminus schwimmen sozusagen im Futter.
Zusätzlich bereichern die zu dieser Zeit zu Millionen schwärmenden Insekten
sowie deren Larven den Speisezettel der jungen und heranwachsenden Tiere. Die
erwachsenen Räuber folgen nach dem Laichen den riesigen, oft aus mehreren Arten
bestehenden Schwärmen der abwandernden Beutefische, während die Jungtiere
später mit den Jungen der Beutearten abziehen. Erwachsene Salminus leben in
ihrer Heimat in der Regel im Freiwasser großer Ströme, wo sie oft in kleinen
Rudeln umherstreifen. Verstärkte Jagdaktivitäten sind besonders in der Morgen
– und Abenddämmerung zu beobachten. Hierbei kommen die Räuber in Ufernähe,
wo sie kleinere Fische in die Enge treiben. Auch die Bereiche unterhalb schnell
fließender Zonen und „Cachoeira" genannter Stromschnellen gehören zu
den bevorzugten Jagdgebieten. Hier lauern sie auf Fische, die mit der Strömung
kommend ihnen sozusagen direkt vor das Maul schwimmen, oder die sich am Fuße
der Cachoeira sammeln um diese flussaufwärts zu überwinden. Die Jagd geht sehr
wild und ungestüm vor sich. Oft kann man die großen Fische bei der Verfolgung
der potentiellen Beute hoch in die Luft schnellen sehen, das Wasser brodelt
regelrecht. Wie die Bryconarten bilden auch Salminus bei Sauerstoffmangel eine
sogenannte Hypoxieunterlippe aus. Dies geschieht oft gegen Ende der Trockenzeit,
wenn sich von den Hauptläufen der Flüsse abgeschnittene Altarme und Teiche
stark aufheizen und durch die hohe Individuenzahl an Fischen und
Fäulnisprozesse Sauerstoffarmut entsteht. Dann vergrößert sich die Unterlippe
der Salminus tellerförmig. Dann beginnen die Tiere „luftschnappend" an
der Wasseroberfläche zu schwimmen. Mit Hilfe ihrer großen tellerförmigen
Unterlippe gelingt es ihnen die, durch direkten Luftkontakt stärker mit
Sauerstoff gesättigte Grenzschicht an der Wasseroberfläche einzusaugen und so
dieses sauerstoffangereicherte Wasser durch ihre Kiemen zu leiten. Dieses, den
Flussindianern seit langem bekannte und wird von ihnen als „Aiu"
bezeichnete Verhalten versetzt die Tiere in der Lage, auch extremen
Sauerstoffmangel zu überleben. Diese faszinierende Anpassung ist den meisten
Arten der Unterfamilie Bryconinae eigen, aber auch von anderen
Verwandtschaftskreisen der Salmler bekannt. Die vergrößerte Unterlippe bildet
sich im Notfall innerhalb weniger Stunden und kann sich bei Verbesserung der
Lebensbedingungen binnen kürzester Zeit wieder zurückbilden.
In einigen Gegenden Südamerikas, namentlich in
Südbrasilien werden Salminus professionell in Teichen und Seen gezüchtet. Die
erwachsenen laichreifen Exemplare werden wie in unseren Forellenwirtschaften
ausgestrichen, der Laich künstlich besamt und in sauerstoffreichem Wasser
erbrütet. Die schlüpfenden Jungfische werden zunächst in speziellen Tanks,
später in Teichen bis zur Verkaufsgröße gemästet. Von dort gelangen die
gesuchten Speisefische gekühlt auf die Märkte der großen Städte
Südbrasiliens. In der Umgebung Sao Paulos können sich Sportangler die hier „Dourado"
genannten Salminus und auch andere bei Anglern beliebte Fische gegen eine
Entgelt auf diesen Farmen selber fischen...ein beliebter Freizeitspaß der
wohlhabenderen Bevölkerungsschichten der 20 Millionen Einwohner zählenden
Metropole.
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